In eigener Sache – das ÜbersetzerInnenteam

Liebe Leserinnen und Leser des Blogs Desde aquí,

seit Mai 2008 haben wir mit viel ehrenamtlichem Engagement für die Übersetzung des Blogs von Reinaldo Escobar aus dem Spanischen ins Deutsche gesorgt. Nun ist es an der Zeit, diese Aufgabe an Andere weiterzugeben.

InteressentInnen mögen sich bitte an reinaldoescobar@desdecuba.com wenden.

Vielen Dank für euer Interesse soweit,

Bettina Hoyer
Heidrun Wessel
Sebastian Landsberger

Heilmittel bis hierhin

remedios

Ich fand dieses Bild am Ortsausgang von Remedios*. Es ist ein einfaches Verkehrsschild, das anzeigt, dass hier die Ortschaft aufhört, neben einem anderen mit der erlaubten Geschwindigkeit. Ich habe mir den Kopf zerbrochen über einen Begleittext, aber das ist der Mühe nicht wert, ich vertraue auf die Intelligenz und die Fantasie der Leser.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Wörtlich: Heil-, Hilfs-, Gegenmittel. Hier tatsächlich: Stadt und Bezirk in der kubanischen Provinz Villa Clara, letzte Stadt vor den Cayos Santa María; gehört zu den 7 ältesten Ortschaften Kubas (gegr. 1514), siehe z.B. hier. Ortsname abgeleitet von „Nuestra Señora de los Remedios“, dt. etwa „Maria Hilf (uns in der Not)“

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Erster Mai

So wie jedes Jahr werden auch in diesem 2009 die wichtigsten öffentlichen Plätze des Landes die traditionelle Bühne für die Feiern zum 1. Mai bilden. In einem Land, in dem niemand von seinem Lohn leben kann, wird es kein einziges Transparent geben, das Lohnerhöhungen fordert. Hier, wo die Gründung unabhängiger Gewerkschaften illegal ist, wird niemand die weltweite Errungenschaft der Arbeiter einfordern: sich zusammenzuschließen, um ihre Rechte zu vertreten. Hunderttausende von Männern und Frauen werden diszipliniert in vorher eingeteilten Blöcken marschieren, um die Transparente zu hissen, die man ihnen am Treffpunkt aushändigt.

Über Lautsprecher wird ein professioneller Sprecher die verabredeten Parolen verlesen. Wahrscheinlich wird er zu einem bestimmten Zeitpunkt darauf hinweisen, dass „wieder einmal die kubanischen Werktätigen durch ihre Anwesenheit auf dem Platz ihre unverbrüchliche Treue bekräftigen, zur Revolution, zur Partei, zu Fidel und zu Raúl.“ Nichts von dem, was über diese Mikrofone gesprochen wird, wird spontan oder improvisiert sein. Alles ist in den Büros des Departamento de Orientación Revolucionaria (DOR)* des Zentralkomitees der Partei sorgfältig geplant worden. Vielleicht sollte man deshalb besonders auf die antiimperialistischen Hinweise achten, diese sind nämlich ein wunderbares Thermometer, das die offizielle Reaktion auf die Entspannungsofferte der neuen US-amerikanischen Regierung anzeigt.

Für 9 Uhr abends just an diesem ersten Mai ist zu einem „cacerolazo“ aufgerufen worden**, um die Aufhebung der Reisebeschränkungen zu fordern, die die kubanische Regierung ihren Bürgern auferlegt, insbesondere die Aufhebung der erniedrigenden Ausreiseerlaubnis und das Erfordernis eines Einladungsschreibens für die Ausreise von unserer Insel. Ich persönlich glaube, dass das „Topfschlagen“ scheitern wird wegen der „Dosis“ an persönlichem Mut, die es erfordert, um mit einem Kochtopf Krach zu schlagen. Die drei oder vier Töne, die man hören wird, werden in punkto Geschlossenheit, Disziplin und Organisation nicht mit dem Aufmarsch vom Vormittag konkurrieren können.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* wörtlich: Abteilung für revolutionäre Kontrolle
** vgl. u.a. Blogeintrag in Generación Y vom 23.4.2009 „Hauen wir auf die Pfanne“

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Die Verhandlungsagenda

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Jetzt, wo anscheinend ein Dialog zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten und Kuba unmittelbar bevorsteht, tritt eine der heikelsten Seiten der Angelegenheit zutage: dass nämlich die US-Amerikaner die kubanischen Gesandten als legitime Regierung der Nation anerkennen sollen.

Seit Januar 1961, als die USA die Beziehungen abbrachen, konnte der Umgang der verschiedenen US-Regierungen mit der kubanischen verglichen werden mit dem Vorgehen eines Unterhändlers, wenn er mit einem Entführer spricht, der seine Geiseln gefangen hält. Vielleicht hat Raúl Castro auf dem ALBA-Gipfel* deshalb so nachdrücklich gefordert, dass er nur unter gleichberechtigten Bedingungen mit den US-Amerikanern über alles reden könne.

Man muss anerkennen, dass die kubanische Seite (außer in sehr ideologiebeladenen Reden) nicht eine einzige US-amerikanische Regierung als Usurpator behandelt hat, der gegen den Willen des Volkes an der Macht ist oder bleibt. Konkreter: Fidel Castro hat niemals bestritten, dass Eisenhower, Kennedy, Johnson, Nixon, Ford, Carter, Reagan, Bush (Vater), Clinton, Bush (Sohn) rechtmäßige Präsidenten des nordamerikanischen Volkes waren. Trotzdem haben sie alle ihn als Diktator betrachtet.

Jetzt erklärt sich Obama bereit, eine neue Richtung in den Beziehungen zwischen beiden Ländern einzuschlagen; seine Regierungsmannschaft sei bereit, ein breites Themenspektrum erörtern, von den Menschenrechten bis zur freien Meinungsäußerung, demokratische Reformen, Drogen und Wirtschaftsangelegenheiten. Raúl Castro verkündete seinerseits eine ähnliche Agenda – während er wie bei einer Kriegserklärung wild gestikulierte – als er sagte, er sei bereit, über alles zu reden, die Themen der politischen Gefangenen, der Menschenrechte und der Pressefreiheit eingeschlossen.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass Raúl Castro Herrn Obama als einen angesehenen Gesprächspartner gewählt hat, um Themen zu erörtern, die er mit seinen Oppositionellen – ob sie nun im Exil leben oder auf unserer Insel – diskutieren müsste. Überspitzt gesagt, sind das innenpolitische Themen, die man parteiintern beim nächsten Kongress der Kommunistischen Partei oder unter den Abgeordneten bei der nächsten Parlamentssitzung debattieren sollte. Ich verstehe, dass mit den Vereinigten Staaten über viele Themen gesprochen werden sollte, wie Migrationsangelegenheiten, Bekämpfung des Drogenhandels in der Region und kompliziertere Themen wie das des konfiszierten Eigentums oder der Entschädigung, die die kubanische Regierung für die durch die Blockade verursachten Schäden fordert. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Präsident meines Landes gegenüber dem Regierungschef einer ausländischen Macht verpflichtet, Gefangene freizulassen, den Staatsbürgern eine freie Meinungsäußerung zu erlauben, und sie von der Insel ausreisen zu lassen, wann immer sie wollen. Ich verstehe das nicht. Das ist die Agenda von Entführern, wenn sie vom Mittelsmann verlangen, er möge ihnen auf dem nächstgelegenen Flugplatz ein vollgetanktes Flugzeug bereitstellen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Gipfel der Bolivarianischen Alternative für die Völker unseres Amerikas (ALBA) vom 15. bis zum 17. April 2009 in Venezuela. Mehr bei Wikipedia.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Erinnerungen an Playa Girón

giron

Dieser Tage geschah das mit der Playa Girón*. Mir fehlten damals noch drei Monate bis zum vollendeten vierzehnten Lebensjahr. In vier Monaten wird auch mein Sohn Teo vierzehn. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass mein Lebenslauf eine unverzeihliche Lücke hätte, weil andere Jungs meines Alters die Artillerieschule verließen, um in jenen gedächtnislosen Arenen aus Sand zu kämpfen. Um das auszugleichen, schrieb ich mich bei der Brigade „Conrado Benítez“ ein, aber das ist eine andere Geschichte.

Wie alle Jungs seines Alters, spielt Teo Kriegsspiele. Dank des technologischen Fortschritts kann er, ohne sich mit Blut zu bespritzen, in der Playstation sehen, wie die Köpfe und Gliedmaßen seiner Gegner rollen, die er immer besiegt. Ich erinnere mich sehr genau an die Rhetorik der militärischen Verlautbarungen, die Hymne des Guerilleros mit ihrem kriegerischen Rhythmus, die das Vorauskommando anfeuerte.
Damals überfiel mich der erste politische Zweifel (Welch Frühreife!). Ich sah Männer, in Uniformen der Miliz, Plakate an die Haustüren bestimmter Familien aus Camagüey klebten. „Hier wohnt ein Feind der Revolution“ verkündeten die Schilder. Und ich fragte mich, wann und wo man ihnen den Prozess gemacht hatte, dass man so über sie urteilte. Fast alle von ihnen haben später das Land verlassen, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Witwen und Waisen beider Seiten weinten die dieselben Tränen. Der Schmerz der Mütter derer, die auszogen, um ihr Eigentum wieder zu erlangen, war nicht kleiner als der von Müttern jener, die starben, um das zu verhindern. Heute, wo mich andere politische Fragen umtreiben, würde ich gern wissen, wieviel diese Ländereien, Zuckerrohrverarbeitungsstätten und Fabriken produzieren, in welchem Zustand man die Wohngebäude und die Geschäfte vorfinden wird, um die von diesen und von jenen in Playa Girón gekämpft wurde.

Ich glaube nicht, dass sich eine Geschichte wie diese in Kuba wiederholen kann. Niemand wird, mit einem Gewehr bewaffnet, an Land gehen, um die Ruinen dessen zurückzuerobern, was einmal seinen Eltern oder Großeltern gehörte, weil Hymnen keine jugendlichen Herzen mehr entflammen. Mein Sohn wird nicht den Schrecken erleiden, einige Männer ein Schild an seine Haustür kleben zu sehen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Nahe Playa Girón landeten im April 1961 während der Invasion in der Schweinebucht von den USA ausgerüstete und unterstützte Exilkubaner.
Vgl. Landkarte http://www.venegas.de/mapa_bild.htm

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Wer ist kulturfern?

Am ersten April wurde eine Erklärung des Organisationskomitees der Zehnten Biennale von Havanna bei La Jiribilla* veröffentlicht, in der es sich zu den Geschehnissen im Centro Wifredo Lam, während der Performance der Künstlerin Tania Bruguera, am Sonntag, dem 29. März äußerte**. Ich war versucht auf diesen Text, von dem ich anfänglich vermutete, er sei eine Fälschung, in Form einer Randglosse zu antworten. Denn ich weigerte mich zu glauben, dass eine kulturelle Institution im Stande wäre, auf so wenig Raum derart ungeniert und hemmungslos zu verleumden, zu lügen und herabzusetzen, wie es dieses Organisationskomitee getan hat.

Es schmerzt die Bezeichnung „kulturferne Personen“, mit der sich dieses Komitee auf diejenigen an diesem Abend bezieht, die wir, einzeln und ohne dabei irgendeinem Auftrag Folge zu leisten, das Podium hinaufstiegen und glaubten, der Vorschlag von Tania Bruguera, dass von jenem Mikrofon aus jede/r eine Minute lang alles sagen könne, was er wolle, sei ehrlich gemeint. Es hatte mich schon jemand gewarnt, dass das eine Mausefalle sein könne, mit einem saftigen Leckerbissen als Köder. Ich ziehe es vor, zu glauben, dass die Künstlerin unschuldig ist, und die Metamorphose der Tribüne zu einer Hinrichtungsstätte, das Werk der Funktionäre war.

Es ist sehr leicht zu beweisen, dass jemand Lohnempfänger eines Unternehmens ist. Dazu genügt die Gehaltsliste. Schwierig hingegen ist es, das Gegenteil zu beweisen. Zum Glück weiß alle Welt, wer die Mitglieder dieses Komitees bezahlt, und es ist allseits bestens bekannt, mit welchem Eifer sie ihr Gehalt verteidigen. Wenn man es recht bedenkt, müsste man sagen, dass sie so schlecht bezahlt werden, damit sie niemand als amtliche Lohnarbeiter beschuldigen kann.

Ehrlich gesagt, ich würde es nicht ertragen, mit diesem Pamphlet „Kritik des Gothaer Programms“*** zu spielen, deshalb habe ich nur eine einzige Frage an die Mitglieder des Komitees, die ich erweitere auf jene, die sie bezahlen: War denn unter dem so zahlreichen Publikum auch nur ein einziges Mitglied der Partei oder des UJC****, ein einziges führendes Mitglied des CDR*****, das die Initiative ergriffen und sich vor das Mikrofon gestellt hätte, um dem „Einhalt zu gebieten“, was vom Komitee „Hetze gegen die Kubanische Revolution“ genannt wurde? Vielleicht waren ja jene, die wir an jenem Abend dort sahen und filmisch und fotografisch aufgenommen hatten, nur Doubles des Vizeministers für Kultur und sogar von Mitgliedern dieses Komitees, deren Namen ich nicht preisgeben werde, aus einem anderen Grund als dem, den sie hatten, als sie unsere Namen nicht erwähnten.

Ist etwa die Schlacht der Ideen****** bereits vorbei und wir haben das nicht bemerkt?

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* und ** Siehe auch die Blogeinträge von Yoani Sánchez in Generación Y vom 30. März und vom 2. April. Eine deutsche Übersetzung der Erklärung steht hier.
*** Siehe z.B. hier.
**** Abkürzung für Unión de Jóvenes Comunistas, kommunistischer Jugendverband Kubas
***** Comité de Defensa de la Revolución. Komitee zur Verteidigung der Revolution, 1960 gegründete kubanische Massenorganisation, die sowohl soziale als auch Spitzelaufgaben übernimmt.
****** Unter Beteiligung mobilisierter Massen entwickelte Programme im Bereich der Bildung und Kultur, mit denen der Bedrohung durch den Kapitalismus die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Sozialismus und die Ausbildung des Bewusstseins entgegengestellt werden sollen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

In aller Demut

Man sollte eigentlich nicht auf den Jahrestag des „Schwarzen Frühling“ von 2003 warten, um das Thema anzupacken, aber eines darf nicht passieren, dass nämlich der 18. und der 19. März geruhsam vergehen, während man weiß, dass sechs Jahre lang schon 75 Kubaner im Gefängnis sind des einzigen Vergehens, ihre Nichtübereinstimmung mit der Regierung publik zu machen.

Wo ich „man“ sage, spreche ich von mir selbst und von jedem Anderen, der auch nur die allerentfernteste Möglichkeit hat, etwas für die Freiheit dieser Menschen zu tun. Wenn ich von 75 Gefangenen rede, dann schließe ich sowohl alle ein, die sich körperlich hinter Gittern befinden, als auch die, die aus gesundheitlichen Gründen mit Haftverschonung „begünstigt“ wurden. Sind Rául Rivero und Manuel Vázquez Portal nicht immer noch Gefangene? Will man mir einreden, Héctor Palacios und Oscar Espinosa Chepe seien freigelassen worden, begnadigt, amnestiert, freigesprochen oder Ähnliches?

Mit tut mein Land Leid, und ich schäme mich furchtbar, wenn ich jemandem bekennen muss, dass ich in einem Staat lebe, wo ein Mensch wie Adolfo Fernández Sainz ein Zelle teilt mit gewöhnlichen Kriminellen, dass Pedro Argüelles im Strafverlies war, weil er sich geweigert hatte, Häftlingskleidung zu tragen, dass Pablo Pacheco, so wie fast alle, nicht mehr gesund ist.

Es sind keine Journalistenvorbehalte gegen das Aufschreiben einer zu langen Namensliste, die mich daran hindert, alle zu erwähnen. Ich spreche nur von denen, die ich kenne, von denen, auf deren Freundschaft ich stolz bin. Jeder weitere Tag ihrer Haftstrafe stellt eine Beleidigung von Vielem dar: des Rechts, unserer Geschichte, des Vaterlandes. Wie kann ich mit meiner Enkelin spielen, Bier trinken und an den Strand gehen, wenn ich bekennender Mittäter desselben Vergehens bin, das sie begangen haben?

Wenn es wahr wäre, dass sich Kuba auf essentielle Veränderungen hin bewegt, dann müsste der erste Beweis dafür die unverzügliche Freilassung aller Kubaner sein, die aus politischen Gründen in Haft sind. Und ihre Anzahl steigt dann auf ungefähr zweihundert Personen. Wenn politische Meinungsunterschiede nicht straffrei werden, dann sind die übrigen Änderungen nichts wert. Es wäre unmoralisch, der Abschaffung des doppelten Währungssystems zu applaudieren, dem Verschwinden eines unnötig gewordenen Rationierungssystems, der Senkung aller Preise und der Anhebung aller Löhne, wenn im Gegenzug dafür Gefängnisstrafen für Andersdenkende akzeptiert werden müssten,

Ich möchte diesen Kommentar nicht schließen, ohne zuvor den Namen des einzigen Verantwortlichen für diese Situation zu nennen. Er heiß Fidel Castro Ruz. Nur wenn er die Order gibt, oder er definitiv nicht imstande ist, zu verhindern, dass ein Anderer sie gibt, dann werden meine Freunde aus dem Gefängnis freikommen. Weil ich nicht in der Lage bin, von ihm zu fordern, dass er sie freilässt, nutze ich diesen unbedeutenden Platz, um ihn – in aller Demut – zu bitten, er möge sein Telefon in die Hand nehmen, um seinen kleinen Bruder anzurufen oder den Innenminister, und befehlen, die freizulassen, die er einst selbst einsperrte.

Hoffen wir, dass Kuba die Weltmeisterschaften gewinnt und dass ihm im Überschwang der Freude einfällt, eine Amnestie zu erlassen!

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Zwischen Spannung und Überraschung

Das bemerkenswerteste Detail dessen, was in ein paar Stunden im Außenbereich der Festung La Cabaña* geschehen wird, ist wohl die gemeinsame Ungewissheit, sowohl für die, die darauf bestanden haben, auf alternative Weise zustande zu bringen, wie auch für die, die versuchen, das zu verhindern.

Bis drei Uhr mittags an diesem Montag werden wir nicht wissen, ob die Buchvorstellung stattfinden konnte.

Das ist eine Performance nach Hitchcock-Art, voller Spannung. Die andere Frage ist, wo die Exemplare für die „Schatzsuche“ deponiert wurden. Seltsamerweise wundert sich niemand darüber, dass in einem Land, das sich fast öffentlich von den Gräueltaten des so genannten grauen Jahrfünfts** losgesagt hat, dieselben Schandtaten wiederholt werden.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Die Festung San Carlos de La Cabaña in Havanna (von 1763 bis 1774 von den Spaniern errichtet), wo jährlich die internationale Buchmesse stattfindet. Die Festung ist heute Armeestützpunkt, Touristenattraktion, war auch Gefängnis und nach dem Sieg der Revolution Ort von Erschießungen unter dem Kommando von Che Guevara.
** Das „graue Jahrfünft“, (1971-1975) war durch strenge Zensur kulturellen Schaffens in Kuba geprägt. Eingeleitet wurde es durch den Erlass von Richtlinien für Kulturschaffende unter dem damaligen Präsident des Nationalen Kulturrats, Luis Pavón Tamayo, im Jahr 1971.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Anrufung am Fuße des Berges


Text auf der Plakatwand:
SANTIAGO
REBELLISCH GESTERN
GASTLICH HEUTE
HELDENHAFT IMMER

Am Grab von Frank País*, an der Ecke, wo es heißt „Hier fiel Otto Parellada“**, beim Anblick der Tafeln, die bestätigen, dass „hier…“ sich die Aufständischen versammelten, sich die Verschwörer trafen, die Flugblätter gedruckt wurden – das heißt, an jeder beliebigen Stelle in Santiago de Cuba, stellte ich mir dieselbe Frage: Gehört der Widerstand der Vergangenheit an? Kann es sein, dass die Angst, den Arbeits- oder den Studienplatz zu verlieren, stärker ist als die Angst um das Leben? Sollte es etwa leichter und weniger riskant sein, zu den Waffen zu greifen als unsere Meinungen auszusprechen?

Ich sprach mit Jungen und Alten, Männern und Frauen, Protestanten, Katholiken und Atheisten, Arbeitern, Intellektuellen und Studenten. Ich fand keinen einzigen Menschen, der mir gesagt hätte, dass er sich in seiner augenblicklichen Lage wohlfühle oder ihm die Umstände gefielen, die im Land herrschen, aber ich fand auch niemanden (tatsächlich fand ich nur einen Menschen), der es gewagt hätte, öffentlich seine Missbilligung, sein Nichteinverständnis zu äußern, selbst wenn es sich nur um eine minimale Abweichung handelte.

Ich, der nur aus Camagüey komme, wage nicht einmal anzudeuten, dass die Bewohner der unbezähmbaren Provinz feige geworden sein könnten. Ich denke, dass dort vielleicht die Desinformation verbreiteter ist und dass die Tatsache, so viele Jahre lang gehört zu haben, dass Santiago die Wiege der Revolution sei, den Menschen eine Art Schuldgefühl eingeflößt haben mag, für das was geschieht.

Menschen aus Santiago: die Schuld haben wir alle. Wir Kubaner zahlen jetzt den Preis für unsere Arglosigkeit, aber schämen sollten sich die, die sie missbraucht haben. Hoffentlich wird es nie wieder nötig sein, eine Bronzeplakette zu gießen, um auf die Stelle hinzuweisen, an der sich ein junger Mensch opferte, an der ein Andersdenkender ermordet wurde. Die neue Tapferkeit, die das Vaterland fordert, erwacht nicht mit den überschwänglichen Trompetenstößen, die zum Kampf rufen, sondern mit der gelassenen Überzeugung, dass wir eine staatsbürgerliche Verantwortung haben und die Bürgerpflicht, gesittet unsere Rechte einzufordern.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Frank Isaac País García (*7.12.1934, Santiago de Cuba) leitete u.a. die Vorbereitungen zum Aufstand vom 30. November 1956 in Santiago de Cuba, der zur Unterstützung der Landung der Revolutionäre mit der Yacht Granma auf Kuba gedacht war. Auf seine Initiative hin gab es neben einem katholischen auch einen baptistischen Seelsorger unter den Guerilleros. Frank País wurde am 30.7.1957 durch Schergen des Batista-Regimes in seiner Geburtsstadt ermordet. Seine Beerdigung entwickelte sich zur politischen Demonstration gegen das Regime. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Pa%C3%ADs)
** Otto Parellada wurde zusammen mit Frank País am 30. Nov. 1956 in Santiago de Cuba ermordet.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Darüber spricht man nicht



Text auf dem Foto:
Oben: Die Jugend.
Unten: Wir versagen nicht

Seit einer Woche erhalten wir Telefonanrufe mit immer denselben Fragen: „Wie ist das Klima in Havanna? Stimmt es denn, was da gemunkelt wird?“ Ich antworte ihnen, dass die Temperatur ein wenig gesunken ist, dass es nicht geregnet hat und dass erzählt wird, der Vergabestopp von Taxi-Lizenzen werde gelockert.

Diejenigen, die da nachforschen, geben sich kryptisch. Ich vermute, dass sie das tun, um mir nicht zu schaden, doch komme ich eben nicht darauf, was sie wissen möchten, denn ich habe keinen kranken Onkel, und als ich geboren wurde, war mein Großvater (derjenige, der ein Mambí* gewesen ist) schon nicht mehr unter den Lebenden. Ja, es stimmt, dass man mehr Polizei in den Straßen sieht, doch die Granma** erklärte, das habe mit verbesserten Transitkontrollen zu tun. Es stimmt nicht, dass die Blumen knapp werden und dass es schwierig ist, Rum in den Geschäften zu finden. Soviel ich weiß, gab es weder Massenverhaftungen, noch werden die Tunnel instandgesetzt oder die Bombenschutzräume.

Nennenswerte Veränderungen habe ich keine ausmachen können, allenfalls, aber das ist völlig subjektiv, dass die Luft durchlässiger scheint und die Erde aufgelockerter, doch glaube ich nicht, dass dies mit den Details zusammenhängt, nach denen meine Freunde fragen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Bezeichnung für die kubanischen Kämpfer im Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien (1895-1898)
** Tageszeitung der Kommunistischen Partei Kubas

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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